Sonntag, 18. Dezember 2016

Meine Weihnachtsgeschichte (2014, V2)

Meine Weihnachtsgeschichte (2014)                                                             16.12.16


Es war einmal vor langer, langer Zeit.
Halt. Stopp. So geht das nicht. Das hier ist kein Märchen. Nein, genau so ist es im Jahr 2014 wirklich passiert. Es passierte in Arnstadt, in der Nähe von Ilmenau bei Erfurt, in der Ludwig-Bechstein-Schule, in der sechsten Klasse von Frau Brandt, in der Woche nach dem dritten Advent. Mathe. Frau Brandt kam, gut erholt und gut gelaunt, in ihre Lieblingsklasse gebraust.
„Guten, guten Morgeeen!“, heizte Frau Brandt ihre vierzehn Kinder an.
„So, wer weiß, was daraus kommt, wenn man drei addiert, substrahiert und das Ganze mit eins multipliziert und am Ende durch sich selbst dividiert? Ja?“
„Frau Brandt, ich muss was Wichtiges sagen. Der Weihnachtsmann hat auf Facebook gepostet, Weihnachten sei in Gefahr. Das ist nicht gut. Und wirklich jetzt, das muss der echte Weihnachtsmann sein. In seinem Profil steht, er wohnt am Nordpol. Und er ist…“
„Das ist wirklich dramatisch. Schreibst du ihm einfach, er solle uns besuchen und wir helfen ihm gerne? Aber er soll ohne Schlitten und ohne Rentiere, unauffällig eben, hierher kommen, damit nicht alle abdrehen. Und nicht jetzt, wo wir zusammen Mathe machen! Handy vom Tisch!“
Die Beteiligung am Unterricht war ab da an diesem Tag gleich null. Alle Gedanken drehten sich nur noch um den Weihnachtsmann. Alle hatten den Post auf Facebook gesehen. Und alle wussten, dass es der echte Weihnachtsmann sein musste und dass er in echten Schwierigkeiten steckte. Eigentlich war es vielen egal, was mit dem Weihnachtsmann los war. Einige glaubten gar nicht mal, dass es ihn  gibt. Hauptsache, es gab Geschenke.
Der nächste Tag. Die vierzehn Schüler der 6A warteten auf ihre Lehrerin. Fünf Minuten zu spät. Da kam Frau Brandt, sich mit dem Weihnachtsmann unterhaltend, in die Klasse.
Er sah aus wie ein ganz normaler Mann, ohne roten Mantel, sogar rasiert, gar nicht wie man sich den Weihnachtsmann vorgestellt hatte.
„Bühne frei für den Weihnachtsmann.“
„Hallo, ja, ähm, ich bin der Weihnachtsmann und ich weiß, ihr dachtet, ich sehe anders aus, aber es gibt größere Probleme. Ich bin finanziell dieses Jahr echt nicht gut dran. Ich konnte mir den TÜV für meinen Schlitten nicht leisten und ich habe auch kein Geld mehr für Geschenke.“
„Soll das heißen, wir kriegen dieses Jahr alle keine Geschenke?“
„Oh man, ich wollte das iPhone 6 haben.“
„Und ich die neue Playstation.“, rufen Mädchen und Jungs durcheinander.
„Herr Weihnachtsmann, das ist echt nicht gut. Wie kommt es denn, dass Sie dieses Jahr kein Geld für Geschenke haben? Und ich dachte, bei Ihnen läuft alles ohne Geld mit Elfen, die für Sie arbeiten?“
„Ja, richtig. Die Elfen empfingen früher die Wunschlisten und machen die Geschenke fertig. Aber das waren nur mal die Angestellten des Weihnachtsmanns. Sie wurden dafür bezahlt, aber wurden zu teuer. Und das Problem ist, dieses Jahr gibt es wieder mehr Wünsche als letztes Jahr. Die unartigen Kinder wollen immer mehr haben, und immer teurere Dinge.
Auf der anderen Seite gibt es dieses Jahr weniger artige Kinder. Artige Kinder wünschen sich nicht so viele Sachen, sind mit vielem zufrieden, sind fröhlich, und sind sogar froh, wenn sie Dinge an andere geben, damit die anderen froh sind.
Ihr müsst wissen, ich bin noch nicht lange Weihnachtsmann.“
„Was?! Sie sind noch nicht lange Weihnachtsmann?!“
„Vor mir gab es schon eine Reihe andere Weihnachtsmänner.“
„Wie andere Weihnachtsmänner?“
„Eigentlich bin ich ja Diplompsychologe.“
„Hä, ich dachte, Sie sind der Weihnachtsmann?!“
„So! Jetzt passt mal bitte ganz genau auf und hört mir zu, ohne mich zu unterbrechen!
Der Weihnachtsmann. Ein dicker Mann mit schneeweißem Rauschebart und rotem Mantel. Elfen, die mit ihm arbeiten. Wunschzettel empfangen, Geschenke verpacken und auf den Schlitten packen. Rentiere, die den Schlitten durch die Lüfte ziehen. Bis zum nächste Dach, wo der Weihnachtsmann sich mit den Geschenken durch den Schornstein zwängt. Gedichte und Lieder von nervigen Kinder anhören und die Geschenke abgeben. Das hat der Weihnachtsmann früher gemacht, viel früher, vielleicht kennt ihr noch die Geschichten.“
„Ja, voll der Scheiß.“
„Benimmst du dich, bitte? Immerhin ist das der Weihnachtsmann!“, beruhigte Frau Brandt.
„Aber in letzter Zeit hat sich vieles geändert, und nicht unbedingt verbessert.“
„Was? Die Playstation wird von Jahr zu Jahr geiler.“
„Und die Autos werden immer umweltfreundlicher.“
„Die Kinder wollten immer mehr haben, nicht alle, aber vor allem die unartigen. Wisst ihr noch, was der eigentliche Sinn von Weihnachten ist?“
„Damit alle Geschenke kriegen?“
„An diejenigen zu denken, die ihr gern habt und die Leute froh zu machen, die es nicht sind. Oder auch Leute, die ihr gern habt,  froh zu machen.“
„Also sollten wir Weihnachten unsere Handys verschenken?“
„Meinst du, dass sich jemand über das Handy freut? Das jemanden wirklich froh macht?“
„Ja!“
„Nun gut. Handys wurden sich in den letzten Jahren tatsächlich häufig gewünscht. Laut den Akten der letzten Weihnachtsmänner in den meisten Fällen stets die neusten Modelle. Und die Wunschzettel wurden bis zuletzt zu mehrseitigen Wunschbüchern, bis zur Digitalisierung durch Facebook.“
„Ich habe mir letztes Jahr auch viel gewünscht. Dass es allen Kindern gut geht. Dass sich alle nett behandeln. Keiner andere ärgert, alle sich gut verstehen und dass alles gerecht ist. Und am Ende sogar noch, dass alle glücklich sind. Das war dann wohl zu viel gewünscht.“
„Nein, nein. Das ist wirklich ein großer Wunsch gewesen! Leider gab es bis heute von solchen Wünschen immer weniger.“
„Weil alle sich nur noch selber im Kopf haben…“
„Die letzten Weihnachtsmänner, das waren auch normale Leute wie ich, die haben den Weihnachtsmannkram so richtig auf den Kopf gestellt.“
„Was soll das heißen?“
„Nun ja, sie haben sich ganz dem Willen aller Kinder gefügt und jedes Jahr alle Wünsche der Kinder erfüllt. Das Problem ist aber, dass jedes Jahr weniger Geld da war, aber, obwohl die Kinder nicht mehr wurden, immer mehr Wünsche im Postfach auf Facebook landeten. Die Elfen waren zu teuer geworden und wären den vielen Wünschen auch nicht mehr hinterher gekommen. Durch Facebook wussten die letzten Weihnachtsmänner sogar auch, welche Kinder artig waren und welche nicht. Trotzdem wurden auch die Wünsche der Unartigen erfüllt.“
„Und warum?“
„Ganz einfach. Weil sie sonst noch unartiger geworden wären. Kriegt ein Kind nicht, was es will, wird es zornig. Nimmt artigen etwas weg, ärgert diese, weil es ihnen gut geht und ihnen selber nicht.“
„Scheiße, das ist ja voll der Teufelskreis. Entweder werden die Kinder immer teurer oder unartiger. Und wie macht man jetzt au unartigen artige Kinder?“
„Das ist eine gute Frage. Also, die letzten Weihnachtsmänner hatten von Jahr zu Jahr weniger Geld, obwohl jedes Jahr die Kinder noch mehr Sachen haben wollten.
Die Elfen wurden durch Facebook ersetzt und – ihr habt noch das Bild vom alten Weihnachtsmann im Kopf?“
„Jap.“
„Die letzten Weihnachtsmänner wurden auch immer fetter und fauler. Manchmal ließen sie sich, statt eine CD von Cro als Weihnachtsgeschenk zu kaufen, von verlockenden Schokoladenregalen ablenken und passten irgendwann nicht mehr durch den Schornstein.“
„Komisch. Super Mario ist auch dick und passt locker durch diese grünen Rohre.“
„Super Mario gibt es ja auch nicht in der Wirklichkeit und außerdem ist Super Mario auch nicht so dick.“
„Und was machen wir jetzt? Die letzten Weihnachtsmänner haben also das ganze Geld für die Geschenke verfressen und auf der anderen Seite wollen die Kinder aber sehr viele Geschenke haben?“
„So ungefähr.“
„Das Problem sind aber eigentlich nur die unartigen Kinder, oder?“
„Er hat Recht. Ohne unartige Kinder bräuchten wir eigentlich kein Geld mehr für Geschenke wie Handys oder Fernseher, weil alle froh wären mit dem, was sie haben.“
„Und wenn alle froh sind, dann sind alle glücklich und es geht allen gut.“
„Und dann gibt es keinen Grund mehr, böse zu sein.“
„Aber wie machen wir unartige Kinder zu artigen?“
„Ich habe eine Idee. Wir schreiben mit Sido zusammen einen Rap, der beweist, dass es viel froher macht, weniger zu haben als viel. Und dass es viel froher macht, viel zu geben als zu nehmen. An einen guten Spaziergang oder eine witzige Unterhaltung kann man sich immer wieder erinnern und darüber froh sein.“
Die 6A klopfte Beifall für diesen Vorschlag. Sido war jedem Kind ein Name. Ein gepflegter Rap, ausnahmsweise mal, könnte wirklich viel bewegen. Die Klasse von Frau Brandt sammelte Ideen für Text und wer hätte das gedacht – zum Weihnachtsfest gab es kein einziges unartiges Kind mehr, alle Kinder waren froh, mit dem was sie hatten und wünschten sich sogar für andere Kinder eben solchen Frohsinn, Gesundheit und Liebe.




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